Petrograd als Bühne der russischen Revolution 1917

Bei der Revolution handelte es sich nicht um Theater. Den Techniken der (Selbst-)Inszenierung, die Karl SCHLÖGEL: Petersburg, das Laboratorium der Moderne 1909-1921, München 2002) am Beispiel des frühsowjetischen Avantgarde-Theaters von 1920 beschreibt, wurde hier allerdings insofern vorgegriffen, als während der Februarrevolution 1917 die Passanten und Zuschauer direkt in das Geschehen involviert waren und die Grenze zwischen Publikum und „Darstellern“, zwischen „Bühne“ und „Zuschauerraum“ aufgehoben wurde.

Die Deutung der Aktionen als politisch im Sinne eines Angriffs auf die Regierung und die monarchische Ordnung machte die Demonstrationen und Zusammenstöße erst zu wirklichen (politischen) Ereignissen. Grundvoraussetzung dafür war die längerfristige Entstehung und allgemeine Verbreitung eines „revolutionary narrative“ (Noel PARKER, Revolutions and History, Cambridge 1999), das diese Interpretation möglich gemacht hatte. Zwischen den einzelnen Szenen, die aus den simultanen Abläufen hervorgehoben und analysiert werden, gab es immer wieder „Pausen“, die durch die Interpretation der direkt und indirekt Beteiligten durch Gerüchte und Narration gefüllt wurden. Nur so konnte das Ganze als ein zusammenhängendes Geschehen erlebt und verstanden werden – nicht nur als größere mehrtägige ‚bezporjadki’ (Unordnungen).

Auf der Straße verhandelten die Demonstrierenden verbal und nonverbal, gemeinsam mit ihrem obrigkeitlichen Gegenüber, explizit über den gewaltsamen oder gewaltlosen Ausgang und damit die Bedeutung der jeweiligen Konfrontation, und implizit über die Legitimität ihres Protests. Die protestierende Menschenmenge forderte durch ihre Körperpräsenz Aufmerksamkeit für ihr Anliegen, das sie anders nicht wirkungsvoll öffentlich hatte machen können. Dieses Verhalten war die Aufbietung des einzig verfügbaren Macht- und Politikmittels der Unterschichten und all derer, die an der Politik nicht beteiligt wurden, obwohl sie die absolute Mehrheit der Bevölkerung Petrograds und ganz Russlands ausmachten.

Insofern handelt es sich bei meiner Untersuchung um eine Analyse der „Straßenpolitik“ (Thomas LINDENBERGER: Straßenpolitik. Zur Sozialgeschichte der öffentlichen Ordnung in Berlin 1900 bis 1914, Bonn 1995) der Revolution am Beispiel des Februars 1917 in Petrograd. Wie Thomas Lindenberger fasse ich die Straße dabei als ein Massenmedium auf, in dem sich dieser Prozess abspielte:

„ein[en] Ort relativ unzensierter Wahrnehmung, eine Art „Massenmedium“ für gesellschaftliche Erfahrungen, die auf Vermischungen, Berührungen und Konfrontationen zwischen Sphären beruhen, die sonst räumlich voneinander getrennt existieren“ (Lindenberger, S.11)

Das Erscheinungsbild der Straße, das als Ausdruck der jeweiligen Recht- und Ordnungs- und damit Wertvorstellungen, einerseits der Obrigkeit andererseits der Untertanen verstanden wurde wird damit als entscheidendes Element des revolutionären Prozesses gezeigt.

Im ersten Teil der Arbeit wird ein Überblick über die Stadtlandschaft Petrograds 1917 in Bezug auf die Revolution gegeben, es werden verschiedene Aspekte der Urbanisierung des Bewusstseins der (Neu-) Petersburger zwischen 1905-1917 dargestellt und schließlich Petersburger Protesttraditionen insbesondere an Hand von Petersburger Orten des Protests und der Revolution zwischen 1870-1917 aufgezeigt. Auf diese Weise wird der Leserin ein lokales Hintergrundwissen erschlossen, das für die Zeitgenossen und ihr Verhalten wichtig war.

Dieses Wissen sowie die Kenntnis der lokalen architektonischen Konstellationen und damals abrufbaren Konnotationen sind für die dann im zweiten Teil der Arbeit folgende, eher mikrogeschichtlichen Darstellung und Analyse entscheidend. Diese befasst sich mit den ersten Tagen der Februarrevolution 1917 insbesondere auf den zwei wichtigsten Prachtstraßen der Innenstadt Petersburgs, die zugleich auch zu zentralen Konfrontations-Orten während der Revolution wurden; dem Nevskij-Prospekt sowie dem Litejnyj-Prospekt.

Ein Blick auf Petrograd insgesamt verbreitert die Perspektive erneut und kontextualisiert die betrachteten Abläufe, Wahrnehmungen und historisch aktuellen Deutungen von diesen beiden Konfrontations-Orten in Form eines kurzen Überblicks über weitere solche. Auf diese Weise wird dem Aspekt der Gleichzeitigkeit multipler Zusammenstöße und Aufstandsszenen Rechnung getragen, der die Revolution über die betrachteten Konfrontations-Orten hinaus zu einem eine Zeit lang nicht mehr zu kontrollierenden Prozess werden ließ und damit zur Durchsetzung verhalf.