David Sittler | laufende Forschungsprojekte:

- Transatlantischer Infrastrukturwandel der Musikproduktions- und Distributionsöffentlichkeiten zwischen 1920-1960 und seine globalhistorische Relevanz anhand von Chicago, New York und Hamburg
(Erster Forschungsaufenthalt Oktober 2016 in New York und Chicago)

– Urban heritage of knowledge, eine andere Wissenschaftsgeschichte als Urbanisierungsgeschichte


Forschungsschwerpunkte:

Urban History, Medienhistorische Anthropologie, Historische Praxeologie, Historische Epistemologie,


Weitere Forschungen:

Stadt- und Urbanisierungsgeschichte

Seit Beginn meines Studiums habe ich mich in allen Disziplinen nach Möglichkeit vor allem mit Stadtgeschichte seit dem Mittelalter befasst. Im Laufe der Zeit habe mich dann auf die Zeitspanne von etwa 1870-1930 und den euro-amerikanischen Raum inklusive Russland und insbesondere die Geschichte der Grosstädte und Metropolen spezialisiert.


In Seminaren, Exkursionen etc. habe ich mich etwa mit der Geschichte der Wiener Ringstrasse, mit Riga im 19. Jahrhundert und in der Magisterarbeit "Petersburg als Bühne der Russischen Revolution 1917" dann sehr intensiv mit St. Petersburg während der Zeit der Revolutionen zwischen 1870-1917 befasst.


Für meine Doktorarbeit "Die Geschichte der metropolitanen Straße als Massenmedium, Chicago 1870-1930", war ursprünglich ein Projekt über die Revolutionsgeschichte Istanbuls, Lissabons und St. Petersburgs 1900-1920 angedacht, das ich dann auf Grund der speziellen Materialsituation und den notwendigen weiteren Sprachkompetenzen des Türkischen/Arabischen bzw. Portugiesischen bisher auf Eis legen musste. Daraufhin entwickelte ich ein Trio von zwei Revolutionsstädten und einer Revoltestadt um 1900: St. Petersburg, Berlin und Chicago. Im Laufe des Forschungsprozesses und der Einarbeitung in die Geschichte Chicagos erwies sich eine Fokussierung auf diese Stadt am produktivsten.
 
Einige weitere Städte habe ich während der letzten rund etwa 17 Jahre im Rahmen von Urlaubsreisen und Tagungen erkundet und wichtige Eindrücke zum transeuropäischen Vergleich gesammelt, darunter Los Angeles, Paris, Neapel, Lissabon, Rom, Budapest, London, Ghent und Venedig.

Mediengeschichte und Medientheorie

Während meiner Weimarer Zeit im Graduiertenkolleg „Mediale Historiographien“ habe ich mich meine Herangehensweise an Stadtgeschichte grundlegend dahingehend verändert, dass ich nun pragmatistisch vorgehe. Das bedeutet, dass ich eine eigene Variante des Konzepts der Medialen Historiographien entwickelt habe, die nicht von prinzipiell vorgängigen Fakten ausgeht, sondern sich für die Praktiken der „Faktifizierung“ in verschiedenen kontingenten – also weder vollkommen vorherbestimmten noch völlig zufälligen – Situationen interessiert.

Dabei ist mein Medienbegriff aus traditioneller Perspektive betrachtet vage: es geht mir nicht primär etwa um die Stadt in „der Zeitung“ oder „dem Film“, ohne das diese Fragen ausgeschlossen sind. Trotz der Offenheit des Begriffs ist dieser keineswegs beliebig und unkonkret: Medien sind nach meinem Verständnis bei meiner Arbeit immer erst im Nachhinein für einen Zeitpunkt oder Zeitraum materialisierte oder geltende Resultate bzw. Effekte aus Konstellationen und Praktiken bzw. (Kultur-)Techniken. Diese wiederum müssen in einem Darstellungs-, Übertragungs- und Übersetzungsprozess erst als solche Erkennbar gemacht werden: so z. B. die urbane Straße als Massenmedium.


In transdisziplinären und leidenschaftlichen Diskussionen mit unzähligen KollegInnen habe ich mir kulturwissenschaftliche Theorien, Medientheorie und Formen der Mediengeschichtsschreibung angeeignet, die nun ganz selbstverständlich in mein historisches Denken und Arbeiten einfließen.

Geschichtstheorie und Historische Epistemologie

Im Bezug auf Geschichtstheorie habe ich mich bereits während des Geschichtsstudiums etwa mit Jakob Burckhardt, Johan Gustav Droysen aber auch mit Maurice Halbwachs befasst. Im Rahmen meiner Mitarbeit am Ausstellungsprojekt "Dora, eine künstlerische Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur" habe ich mich insbesondere mit Reinhart Kosellecks Arbeiten zur Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen in Deutschland befasst sowie darüber hinaus mit dessen Theorie historischer Zeiten.


Hinzu kam die Auseinandersetzung mit Theorien des Re-enactment aus der sich in Zusammenarbeit mit meinem Kollegen Jan Henschen eine Veröffentlichung zu Robin George Collingwoods Geschichtstheorie des Re-enactments entwickelte (vorrauss. Erscheinen in 2012).

Auch in meiner Doktorarbeit "Die Geschichte der metropolitanen Straße als Massenmedium, Chicago 1870-1930" geht es mir nicht zuletzt um Fragen der historischen Erkenntnistheorie, die ich am konkreten Gegenstand und insbesondere den Praktiken der soziologischen Chicago School der 1920er entfalte.